Im Jahr 2000 begann eine Terrorserie mit zehn Todesopfern. Der NSU tötete Menschen in ganz Deutschland, verletzte Dutzende bei Bombenanschlägen. Mit Raubüberfällen verdiente das untergetauchte Trio aus Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt seinen Lebensunterhalt. In diesem Kapitel gewinnst du einen Überblick über die Taten und kannst entdecken, wie es an den Tatorten heute aussieht. 

Der NSU bereitete die Anschläge und Attentate intensiv vor. Das Trio spähte weit auseinanderliegende Tatorte aus und ließ zwischen einzelnen Verbrechen oftmals mehrere Monate verstreichen, um wieder in den Untergrund abtauchen zu können. Diese gezielten Attentate, die nicht anders als geplante Hinrichtungen zu bewerten sind, unterscheiden die Taten der Terrorgruppe von anderen rechtsextremen Verbrechen, die oftmals aus spontanen, aggressiv aufgeladenen Stimmungen entstehen. Das Ziel des NSU war die bewusste Tötung von Menschen ausländischer Herkunft, wodurch sie ganz klar als terroristische Gruppe zu verstehen sind. Dazu gehört auch, die Attentate im Anschluss an die Öffentlichkeit zu tragen bzw. bewusst mit ihnen zu prahlen. Zu diesem Zweck veröffentlichte der NSU auch Bekennervideos, wie wir sie auch von anderen terroristischen Gruppen kennen und die das Ziel verfolgen, Angst und Schrecken unter den Feindbildern zu erzeugen.

Das Ziel des Trios waren bewusst erfolgreich integrierte Migranten und nicht etwa kriminelle oder ausgegrenzte Ausländer. Der Schlag sollte mitten in das Herz der deutschen Einwanderungsgesellschaft erfolgen. Der NSU steht für eine neue Dimension der rechtsterroristischen Gewalt in Deutschland: Eine relativ kleine Gruppe fanatischer Mitglieder greift eine erklärte Feindgruppe an, aber nicht direkt den Staat. Ihre Terrorbotschaft richtete sich aber auch an ihn. Das ist ein Wesensmerkmal terroristischer Vereinigungen.

Diese interaktive Karte zeigt, wo die Täter des NSU auf ihre Opfer trafen:

Der Mord an Enver Şimşek

Es passierte am 9. September 2000 in Nürnberg: Zwei Täter überraschten den Blumenhändler Enver Şimşek aus Hessen, der aus seinem Lieferwagen heraus Blumen verkaufte, bei der Arbeit. Mit Schüssen aus zwei Pistolen verletzten sie den türkischen Geschäftsmann schwer, zwei Tage später starb er dann im Krankenhaus. Simsek war 1986 aus der Türkei nach Deutschland gekommen, er galt als erfolgreicher Geschäftsmann.

Erst 2011 kam heraus, dass der NSU hinter dem Mord steckt; es war der erste Anschlag von Mundlos und Böhnhardt. Für die Angehörigen war der Mord ein großer Verlust und Schock, weil die Polizei auch lange Zeit gegen die Familie als Verdächtige ermittelt hatte.

Wie sein Sohn Abdulkerim Şimşek heute über die schlimme Zeit und die Ermittlungen denkt, siehst du hier im Video.

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Der Yaşar-Mord in Nürnberg

İsmail Yaşar wurde am 9. Juni 2005 in seinem Imbiss in Nürnberg ermordet. Es ist die sechste Tat der NSU-Mordserie. Mundlos und Böhnhardt fuhren mit Fahrrädern zum Dönerladen von Yaşar an der Scharrerstraße und töteten ihn mit fünf Schüssen. Die Ermittler gingen viele Jahre davon aus, dass die Mafia oder Drogengeschäfte hinter der Tat stecken könnten. Auch in den Medien gab es diese Verdächtigungen.

Neuer Fall: Wieder türkischer Kleinunternehmer erschossen. War es die Drogenmafia?

(Hamburger Abendblatt, 11.06.2005, Autor: Christian Denso)

Sechs Morde, sechs Rätsel – und ein Verdacht: Ist in Deutschland ein unheimlicher Auftragskiller unterwegs? (…) Jetzt starb in Nürnberg wieder ein türkischer Kleinunternehmer – wieder durch Kugeln aus der Pistole mit dem Kaliber 7.65 Millimeter. Doch die Soko „Halbmond“ (40 Beamte) hat noch keine heiße Spur. (…)

Nürnberg, die Scharrerstraße im Stadtteil St. Peter. Ein Kunde findet Ismail Y. (50) am vergangenen Donnerstag gegen 10.15 Uhr leblos hinter der Theke seines Döner-Imbisses. Sein Körper weist mehrere Einschüsse auf – unter anderem im Kopf. Ein Abgleich der Projektile beim Bundeskriminalamt (BKA) gibt Gewißheit: Auch diese Tat ist Teil der Serie, die vor fünf Jahren begann – in Nürnberg. (…) Möglicherweise, so die Ermittler der Soko, standen alle Opfer mit türkischen Drogenhändlern aus den Niederlanden in Verbindung. Spuren führen zur Drogenmafia nach Amsterdam. Auch Schutzgelderpressung ist nicht auszuschließen. Alle Opfer sollen vor ihrem Tod massiv bedroht worden sein.

Vier Städte suchen einen Mörder

(Süddeutsche Zeitung, 18.06.2005, Autor: Olaf Przybilla)

Die Bude an der Nürnberger Scharrerstraße, gleich neben der Bundesanstalt für Arbeit, ist jetzt Pilgerstätte. Ismail Yasar verkaufte hier seine Döner, und es sollen, so hat es einer an die Budenwand gekritzelt, die „leckersten der Stadt“ gewesen sein. Die Schüler aus der Scharrerschule haben das Alu-Häuschen mittlerweile zum Schwarzen Brett umfunktioniert, an dem sie ihren Kummer los werden über den Tod des Verkäufers, der „ein guter Mann“ gewesen sein soll und den Kindern oft ein Wassereis dazu gab. Bis Donnerstag vergangener Woche tat er das, um 9. 50 Uhr hat der kleine Murat dem stattlichen Fünfzigjährigen mit dem Schnauzer noch mal zu gewunken. Fünfzehn Minuten später war Ismael, der gute Mensch aus der Scharrerstraße, tot. Hingerichtet von einem Serienkiller. (…) Beziehungen zwischen den türkischen Opfern findet das Bundeskriminalamt keine. Die Sechs kamen aus unterschiedlichen Regionen, sie kannten sich offenbar nicht, für einen ethnischen Hintergrund gibt es keine Anhaltspunkte. (…) 

Warum Nürnberg zum Zentrum der Mordserie wurde darüber wird bislang nur spekuliert. Mit drei Autobahnen gilt die Stadt als ein Drehkreuz für Drogenkuriere. Doch nur bei vier Opfern gibt es Hinweise auf eine Verwicklung ins Milieu, die Spuren sollen nach Amsterdam führen. Weder beim Dönerverkäufer Yasar noch beim Schlüsseldienstmann Boulgarides ließen sich bisher Verbindungen zur Drogenszene entdecken. Auch auf Schutzgelderpressung gebe es in Nürnberg keine konkreten Hinweise, sagen die Ermittler der Soko „Halbmond“. Fast fünf Jahre nach dem ersten Mord steht man offenbar ganz am Anfang.

Mittlerweile ist bekannt, dass der NSU hinter der Mordserie steckt. An vielen Tatorten hängen Gedenktafeln, so auch an der Scharrerstraße in Nürnberg. Ziehe den Schieberegler über das Bild, um den Tatort damals und heute zu sehen.

In diesem Video sehen wir uns am früheren Tatort um:

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Aufgaben

Der NSU wird als „terroristische Gruppe“ bezeichnet. Welche Merkmale würdest du einer „terroristischen Gruppe“ zuschreiben? Informiere dich im Informationstext und ziehe auch den Duden oder das Internet zu Rate!

Sieh dir die Karte mit den Morden des NSU an! Diskutiere in der Gruppe, warum das Trio nicht an einem Ort, sondern in mehreren Städten zuschlug.

Abdulkerim Şimşek spricht in dem Interview sehr offen über seine Erlebnisse.

a) Warum sagt er, die Nachricht, dass sein Vater von Rechtsextremisten getötet wurde, habe ihn erleichtert?

b) Beschreibe, warum die Familie unter den Ermittlungen lange gelitten hat. Beziehe in deine Überlegungen auch die mediale Berichterstattung im Fall İsmail Yaşar mit ein.

Schau dir das Video vom Tatort in Nürnberg an!

a) Wie könnte deiner Meinung nach ein passendes Gedenken an die Opfer des NSU aussehen? Diskutiere mit deinen Banknachbarn!

b) Entwirf eine eigene Erinnerungsplakette, die an den Imbissverkäufer İsmail Yaşar gedenkt.

Bildquellen

  • Tatort Scharrer Imbiss: dpa/Marcus Führer
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